Familie

Fluch und Segen Teil 2


Einfach! Küche! Familie - Fluch und Segen - unser Flur in der alten Dorfschule

Unser (ab)gefahren Abenteuer hat eine Menge in mir losgetreten...

Es ist ja nicht so, dass ich vorher nicht auch jede Menge Gedanken hatte. Dass ich davor nicht auch über vieles nachgedacht hätte. Und vieles dabei in Frage gestellt oder zumindest mehr als kritisch hinterfragt hätte.

 

 

Doch diese Reise hat vieles in mir noch klarer gemacht.  Diese Reise hat meine Sicht auf das Leben verschärft.

Diese Reise hat mich mehr denn je erinnert.

 

 

Mehr denn je ist es mir wichtig ICH zu sein! Mehr denn je ist es mir wichtig ZU LEBEN!

 

 

Bereits am Anfang unserer Reise quer durch Europa (HIER könnt Ihr noch einmal mit uns reisen ...) wurde mein bisheriges Leben auf den Kopf gestellt.

Ich hatte bis dahin ein gutes Leben, ein sehr gutes, war mit mir im Reinen. Und was ich ganz besonders wichtig fand, ich war mit meiner Vergangenheit im Reinen. 

Ich habe heute noch immer ein gutes Leben, ein sehr gutes, was auch sonst? Und doch hat meine Gegenwart große Bereicherung erfahren.

Die Zeit um Weihnachten und/oder zwischen den Jahren ist oft Familienzeit.

 

So in der Regel auch bei uns.

 

 

Dieses Mal war alles anders und so denke ich darüber nach, was ist das eigentlich Familie?

 

 

 

Diese Ansammlung von Menschen, die es sich nicht ausgesucht haben, eine Familie zu sein.

Da ist man nicht freiwillig dabei.

 

 

Den Freundeskreis, den sucht man sich aus. Da schaut man sorgsam, ob man eine möglichst große Deckungsgleichheit hat. Und jeder, der eine andere Meinung vertritt, andere Ansichten hat, der anders tickt, kann und wird ausgeschlossen. Ich muss mit niemandem befreundet sein, der mir nicht gut tut. Heißt, ich muss mich mit niemandem auseinandersetzen, der diesem Raster nicht entspricht, denn er gehört ja nicht dazu. Ich muss mich nicht abgrenzen in dieser homogenen Gruppe. Es ist nicht nötig, Ansichten und Meinungen zu hinterfragen, um mich damit auseinander zu setzen, jeder ist austauschbar, sobald er der Gruppe nicht mehr entspricht. 

 

 

Aber Familie ... da ist man dabei ... ob es einem passt oder nicht ...

Man kann sich überwerfen, man kann miteinander brechen, man kann den Kontakt einstellen ... und doch bleibt man eine Familie.

 

 

Und was ist es nun? Diese Familie?

 

Man hat eine Rolle inne, die man sich nicht ausgesucht hat. Man bleibt auf ewig die kleine Schwester oder der große Bruder. Ob man will oder nicht, das tut hier nicht zur Sache.

 

In der Familie prallen Menschen aufeinander aus verschiedenen Generationen, mit verschiedenen Ansichten, unterschiedliche Lebensentwürfe und anderen Meinungen.

 

Familie fordert! Sie fordert, sich auseinander zu setzen. Mit dem anderen, aber ebenso mit sich selbst. Sie fordert Themen ein, denen man gerne aus dem Weg geht. Sie fordert zuzuhören und verstehen zu wollen, und damit meine ich nicht, zuzustimmen. Verstehen bedeutet nicht, einer Meinung zu sein. Verstehen bedeutet verschiedene Meinungen zuzulassen. Und aushalten zu können. Auch aushalten zu wollen. Das ist nicht einfach! Sich abzugrenzen ist manchmal wichtig. Doch abzugrenzen bedeutet nicht auszugrenzen. Auch das ist nicht einfach! Und auch das ist wichtig.

 

 

 

Aber weglaufen ist keine Option. Man geht damit den Widrigkeiten aus dem Weg, schlussendlich dem Leben selbst. Und dabei auch sich selbst. Und letztendlich bleibt man doch Teil der Familie.

 

Verstrickungen nennt man das in der Familienaufstellung.

 

 

 

Bevor jetzt einige die Augen rollen ... ich rede hier von biologischer Familie.

Mir ist klar, dass viele unter Familie in der heutigen Zeit etwas anderes verstehen. Das ist auch legitim, denn DIE Familie gibt es nicht. Und werten möchte ich schon gar nicht.

Mir geht es hier jedoch um Verwandtschaft als Familie.

 

 

Denn diese biologische Ebene ist nicht zu unterschätzen.

 

Auch oder obwohl einige, viele? dieses in Abrede stellen. Sie für überflüssig und unnötig halten. Für altmodisch und damit überholt. Für nicht mehr zeitgemäss in dieser globalen Welt.

 

Wie schon angedeutet, selbst wenn man sie nicht lebt, so bleibt man dem ursprünglichen Familiensystem in gewisser Weise immer verbunden. Das sollte uns allen klar sein. Die Herkunftsfamilie ist der Stamm des Lebens. Wo komme ich her? Dort findet in der Regel die frühkindliche Sozialisation statt, dort wird die Bindungsentwicklung übernommen, dort lerne ich nicht nur mich selbst kennen, sondern lerne (hoffentlich) auch mit anderen auszukommen.

 

 

Ist dieses Familienkonstrukt schon lange nicht mehr nötig , wirtschaftliche Sicherheit zu gewährleisten, so geht es doch in der Regel um eine Gemeinschaft, auf die man zählen kann. Hilfe und Unterstützung, Verlässlichkeit, Sicherheit und Loyalität werden erwartet. Ebenso gehören Toleranz und Akzeptanz, Ehrlichkeit sowie Vertrauen dazu. Man kennt die Macken des anderen und erträgt sie, genau wie der andere meine Ecken und Kanten erträgt. Jeder sollte so angenommen werden, wie er ist und bei allen Uneinigkeiten steht der Familiengeist darüber.

 

 

 

Ganz schön viel für dieses gebrechliche Gefüge Familie.

 

 

 

Dazu kommt Hollywood und Bullerbü, selbst die Joghurt Werbung,  die uns vormachen, wie Familie funktioniert. Die uns nicht nur zeigen, dass es möglich ist, sondern sogar existenziell notwendig. Und trotz allem wunderschön.

Das macht es nicht einfacher ...

 

 

 

Ich bin davon überzeugt, dass Familie die Gemeinschaft sein sollte, bei der man nicht überlegen muss, ob sie da ist. Die Nachts um halb vier aus dem Bett in die Hose steigt, hunderte von Kilometern fährt, um einen aus dem Schlamassel zu ziehen. Die da sind, wenn es eng wird. Egal in welcher Beziehung. Eine Gemeinschaft auf deren Rückhalt man sich blind verlassen kann. Gestern, heute und morgen. Egal, wie man sich selbst verändert und weiter entwickelt, egal, wohin für den anderen die Reise geht. Das biologische Band, das da ist und sich niemals durchtrennen lässt, hält einen zusammen.

Und dabei sind die schlechten Witze von Onkel Eduard genauso unerheblich, wie die ewig gleichen Geschichten von Oma Klara. Mag sein, dass sich jemand über etwas aufregt, was man selber ganz okay findet. Mag sein, dass in Grundsatzdiskussionen keine Einigung zu finden ist. Dass Mutti um Rückmeldung bittet, gut angekommen zu sein, ist vielleicht nervig, aber lediglich eine Art zu sagen, dass sie dich liebt. Und bei aller Selbstverwirklichung und Selbstfindung auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen, ist es die Familie, die einen hervorgebracht hat. Abschütteln lässt sich das nicht, ist auch gar nicht nötig.

Ich weiss wovon ich rede.

 

25 Jahre war ich "aktiver" Teil einer Familie.

Sie hat mich die ersten 25 Jahre meines Lebens geprägt, hat mich auf den Weg gebracht. Auf meinen Weg.

 

Das zweite Vierteljahrhundert habe ich keinen Kontakt zu meiner Familie gehabt.

Und doch war ich dennoch all die Zeit ein Teil von ihr. "Passives" Mitglied sozusagen. In meiner Erinnerung, in meinen Geschichten, in meinem Wesen, in mir, war ich weiterhin Teil dieser Familie. "Nur" nicht mehr im Alltag, im tatsächlichen Leben, das gerade passierte.

 

 

 

Sie war nicht mehr da und doch war sie da. 

 

Ich ging meinen Weg ohne Auseinandersetzungen mit ihr, aber eben auch ohne Rückhalt durch sie. Und dennoch begleitete mich meine Familie. In mir drin!

 

 

 

Dann war sie wieder da ... so in echt ... leibhaftig ...

... am Anfang zweifelnd, fragend, unsicher, unschlüssig, misstrauisch ...

 

 

Dieses Band hatte mich die ganze Zeit begleitet und das war gut so!

 

 

 

Was ich daraus gelernt habe? Man kann die biologische Familie wohl ausknipsen. Wie eine Lampe. Es ist dunkel. Kein Licht brennt mehr. Und doch bleibt die Lampe da. Ausknipsen ja. Weg ist die Lampe deshalb nicht.

 

Man bleibt Teil des Verbundes. Ob man will oder nicht. Das spielt keine Rolle.

Die Anforderungen an das System Familie sind immens.

 

So viel Verschiedenes prallt mitunter aufeinander. Wenn alles gut läuft, ist es einfach. Aber es läuft nicht immer alles gut. Es gibt Zeiten, da läuft es mitunter selten gut.

 

Und dann?? Hinwerfen? Kündigen? Aussteigen?

 

Keine Option letztendlich. Wie gesagt, die Lampe bleibt wo sie ist, ob das Licht brennt oder nicht. Und der Lampe ist es übrigens auch egal, ob Licht an oder aus ...

 

 

 

Ich bin der Überzeugung, dass sich Familie lohnt. Immer.

 

Wenn es gut läuft sowieso. Weil das Band einen zusammen hält. Halten kann. Wenn man es zulässt. Ganz egal, ob man einer Meinung ist. Ob man den selben Humor hat. Ob man in die gleiche Richtung marschiert. Ob man Dinge so sieht und empfindet wie der Rest der Truppe.

Familie fragt nicht. Nicht nach "was habe ich davon?", nicht nach "warum?". 

 

 

 

Und wenn es nicht gut läuft? Selbst dann. Gerade dann.

 

Einfach so. Weil man eine Familie ist. Weil es selbstverständlich ist. 

 

Und genau dieses Selbstverständnis ist ganz und gar nicht selbstverständlich!

 

Es ist ein Geschenk.

 

 

 

Familie ist keine Einbahnstrasse. Familie kann nur in beide Richtungen funktionieren.

Eltern sind für ihre Kinder da. Selbstverständlich. Wenn sie klein sind aber auch wenn sie keine Kinder mehr sind. Eltern bleiben auf immer Eltern.

Und doch bleiben sie Mann und Frau. Beide bleiben sie selbst. Ihr Leben wird nicht zwangsläufig mit der Nachgeburt entsorgt.

 

Und Kinder sind für ihre Eltern da. Am Anfang, weil die Eltern Helden sind. Später ... nicht aus Dankbarkeit. Bull shit. Nicht aus Pflichtgefühl. Nein - weil es ihre Eltern sind. Nicht mehr - und nicht weniger. Einfach deshalb.

Und auch sie sind sie selbst. Nicht nur Sohn oder Tochter. Auch, aber nicht nur. Sie haben ein eigenes Leben. Doch das schliesst ein gemeinsames, zusammen mit Eltern, Großeltern, Geschwistern, Sippe, Mischpoke, Verwandschaft, nicht aus.

 

 

Das Verhältnis zueinander verändert sich. Kinder werden gross. Eltern alt. 

 

Egal wie verschieden man ist. Gerade das ist das Besondere.

 

 

Man muss sich nichts verdienen. Nichts erarbeiten. Nichts erkämpfen.

So blöd die kleine Schwester manchmal sein mag, so wenig man manchmal einer Meinung ist, so schrullig die Eltern und von gestern, wenn nicht sogar von vorgestern, so anders die Generation auch sein mag, so unterschiedlich unsere Wege, so sind wir doch eins.

 

 

Es mag hoffnungslos altmodisch klingen. Vielleicht verklärt. 

Gerade dass es nicht wichtig ist, wie sehr wir uns unterscheiden, so eint es uns. Gerade das macht diesen Verbund so stark. Weil man keine Erwartungen erfüllen muss, um Teil dessen zu sein. Weil man nicht so sein muss, wie die anderen, um akzeptiert zu werden. Weil es nicht um Gegenleistungen geht.

Und doch ist es ein Geben und Nehmen. Es fällt nicht in den Schoss. Manchmal ist es harte Arbeit. Und mit Sicherheit nicht immer einfach. Eine in jeder Weise heterogene Gruppe kann nicht einfach sein, warum sollte sie auch?? Eine Akzeptanz des Anderen in jede Richtung, eine Annahme jedes Einzelnen mit all seinen Eigenarten  verlangt jedem eine grosse Bereitschaft ab.

Und gerade dort ist jeder einzelne gefordert. Zu wollen. Sich dem zu stellen.

 

Respekt spielt eine grosse Rolle. Anzuerkennen wie der Gegenüber ist. Was er ist. Warum er so ist. Sich selbst (er)kennen. Augenhöhe nicht nur einfordern, sondern selbst auf Augenhöhe zu begegnen. Wertschätzung für die Leistung der Alten wie der Jungen. Achtung und Annahme des anderen in jeder Beziehung.

 

 

 

Daraus können wir alle wachsen.

 

 

Und entspannen.

 

Da ist ein Netz, das uns hält. Ohne uns einzuengen. Da ist eine Verbindung ohne uns verbiegen zu müssen. Da ist ein Einvernehmen ohne uns einzunehmen.

 

 

Was gibt es Grösseres?

Wir müssen es zulassen!

 

Gewillt sein, Unterschiede zuzulassen.

 

Nicht nur auf das eigene Ich zu pochen, das eigene Leben, die eigene Befindlichkeit, das eigene Ego nur zu sehen, sondern den anderen wahrzunehmen. Sein Ich, sein Leben, seine Befindlichkeiten. 

Anerkennen und akzeptieren. Sich selbst UND den Anderen.

Nicht den Angriff auf sein Selbst, sondern die Zuneigung des anderen sehen zu wollen.

 

Wer dazu bereit - und in der Lage - ist, wächst. Er wächst in seinen Ansichten, in seiner Selbst. Das ist bereichernd für sich selbst, im Alltag, im Beruf, im Freundeskreis, in jeder Beziehung. Toleranz ist das Zauberwort. Nachsicht, Respekt, Geduld und Gelassenheit. Sich selbst gegenüber. Anderen gegenüber. Dingen und Zuständen gegenüber.

 

 

 

Ich kann nur wiederholen... es geht nicht darum, sich unterzuordnen. Oder sich zu verbiegen.

Sich selbst zu versagen.

Gerade die Abgrenzung und die Verschiedenartigkeit ist enorm wichtig. 

Es ist jedoch kein entweder oder. Es ist ein beides/alles ist möglich.

 

 

 

Wenn alle die Verschiedenartigkeit als Gewinn empfinden und die Andersartigkeit als Chance begreifen, dann ist Familie wunderbar!

Das Leben ist wunderbar!

Kirsten

aka Ehefrau, Mutter, Grossmutter, Schwester, Schwägerin, Tante, Schwiegerkiki, Grosstante, Cousine, Schwiegertochter

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